Angst vor dem Essen

https://i2.wp.com/www.3sat.de/imperia/md/images/nano/2006/03_maerz/11_20/13_pollmer1_n_310x180.jpg?resize=140%2C81Udo Pollmer: „Wer Angst vorm Essen hat, wird fetter“
„Vor 50 Jahren hat man die Bohnenstange gehänselt und ‚Hundehütte‘ genannt“

Diäten sind sinnlos und machen die meisten Menschen dicker, sagt der Ernährungsexperte Udo Pollmer. Warum dennoch immer wieder neue Wunderdiäten angeboten werden und Millionen Menschen – den seit langem bekannten Jo-Jo-Effekt ignorierend – jedes Mal von neuem darauf anspringen, erklärt er in seinem neuesten Buch. „Esst endlich normal! Wie die Schlankheitsdiktatur die Dünnen dick und die Dicken krank macht“, lautet der Titel, erschienen im Piper-Verlag.

Man hört immer öfter, es gebe immer mehr dicke Menschen. Stimmt das?
Pollmer: Das ist eine Frage der Definition. Menschen gibt es in allen möglichen Formen und Größen: Solche mit bulligem Nacken, mit Brauereipferdhintern oder mit Kugelbauch auf zwei dünnen Beinen, dann die so genannten Couchpotatoes, deren Unterschenkel so dick sind, wie bei anderen die Bäuche. Es gibt die cortisonabhängige Fettsucht am Rumpf, und es gibt die üppigen Formen Rubens’scher Gemälde. Das ist jedes Mal etwas völlig anderes.

Genügt der Body-Mass-Index nicht zur Beurteilung von Übergewicht?
Pollmer: Beim Body-Mass-Index (BMI) wird das Gewicht mit der Größe ins Verhältnis gesetzt. Wenn ein Mitarbeiter eines Schlachthofes auf die Idee käme, den Fettgehalt eines Schweins per BMI zu bestimmen, dann würde er wegen klinischer Dummheit gefeuert. Tun Sie das mit Patienten, dann sind Sie Ernährungsexperte oder Arzt, der sich im Fernsehen wichtig machen darf.

Wie weit lässt sich das Gewicht durch Essen beeinflussen?
Pollmer: Menschen essen gewöhnlich so lange, bis sie satt sind. Das macht der Dünne nicht anders als der Dicke. Der eine kann futtern wie ein Scheunendrescher, ohne Fett anzusetzen, der andere spart sich das Essen vom Munde ab und geht trotzdem in die Breite. Man hat Versuchspersonen besonders viel essen lassen, damit sie dick werden. Fehlanzeige – lausige fünf Kilo kamen drauf und ein paar Wochen später waren sie wieder runter. Was für ein Menschenbild haben wir, wenn wir ernsthaft glauben, es gäbe Menschen, die äßen aus purem Mutwillen so viel, dass sie nachher so aussehen wie ein Couchpotatoe? Da wird Ihnen schon beim ersten Überfressversuch speiübel.

Und was bedeutet das?
Pollmer: Das bedeutet, dass der Körper kein Fass ist, in das man etwas reinfüllt oder durch Bewegung etwas entnimmt. Er hat für alles eine innere Regulation, hier den „Ponderostat“, der das Gewicht regelt. Genau so wie bei einem Haus der Thermostat für eine konstante Temperatur sorgt. Wenn er auf 28 Grad steht, nutzt es nichts, den Heizöltank nur halb voll zu machen oder zur kalorischen Verdünnung Steine reinzuwerfen. Es hilft auf Dauer auch nichts, die Fenster aufzureißen – dadurch steigt nur die Heizölrechnung. Genau so wird das Körpergewicht nicht über den Kühlschrank geregelt, sondern über hormonelle Systeme, die nach biologischen Gesetzen arbeiten – auch dann, wenn sie Ihr Arzt noch nicht kennt.

War das Ideal schon immer das Dünne?
Pollmer: Nein, vor 50 Jahren hat man noch die Bohnenstange gehänselt oder als „Hundehütte – an jeder Ecke ein Knochen“ verspottet. Kinder wurden zum Mästen aufs Land geschickt, Schlanksein war eine Schande. Doch die Mastkuren waren damals genauso wirkungslos wie heute die Diäten. Am Rande vermerkt: Nach dem Krieg ließ man Kriegsgefangene, bei denen das Essen nicht anschlagen wollte, Diäten machen – in der Hoffnung, dass dadurch das System wieder anspringt und der Körper anfängt, Fett anzusetzen. Diese Methode wird heute für das genaue Gegenteil angewandt, fürs Abnehmen – diesmal erfolglos.

Heißt das, dass Diäten generell sinnlos sind?
Pollmer: Ja, sie machen die meisten Menschen dicker, auch wenn es gelegentlich Ausnahmen gibt.

Aber es gibt doch auch andere Gründe, warum Menschen dick werden?
Pollmer: Ja, aber sie haben nichts mit Essen zu tun. Man denke nur an die Konstitution. Oder: Welcher Therapeut kennt die Namen der Viren, die Fettsucht auslösen? Oder: Verheiratete sind dicker als Singles -einfach weil eine feste Partnerschaft die hormonelle Regulation ändert. Wenn der Testosteronspiegel sinkt, dann kriegen die Herren ihr Bäuchlein. Oder der Kummerspeck: Wenn Sie sich in einer ausweglosen Situation befinden, dann produziert der Körper Cortisol – und dann werden Sie meistens dick. Das kommt nicht von Schokolade, sondern von der Bitterkeit.

Kann es sein, dass auch die Angst vor ungesunder Ernährung dick macht?
Pollmer: Exakt! Wer Angst vorm Essen hat, wird fetter. Immer mehr Menschen, gerade Frauen, hassen ihren Körper und versagen sich vieles, was sie eigentlich gerne essen würden. Wenn sie denen helfen, endlich zu genießen, dann lässt ihr Körper los und sie verlieren einige Kilo. Das mag komisch klingen. Aber wenn man bedenkt, dass bis heute alle Abspeckmaßnahmen, die auf weniger Essen oder mehr Bewegung abzielten, gescheitert sind, dann könnte es sein, dass nicht die Menschen falsch sind, sondern die Theorien.

Wenn man Ernährungstipps liest, bekommt man den Eindruck, es gebe „gutes“ und „böses“ Essen. Stimmt das denn so?
Pollmer: Viele „ExpertInnen“ haben ein höchst problematisches Verhältnis zum Essen. Wer heute eine Gesundheitssendung moderieren will, sollte magersüchtig sein. Wenn Sie bedenken, dass das Fernsehen die Personen dicker erscheinen lässt, als sie wirklich sind, bekommen Sie eine Vorstellung, was sich da in unserer Gesellschaft abspielt. Um das Gewicht zu kontrollieren, um den Fernsehvorbildern zu genügen, zeigt in den Großstädten inzwischen bald ein Drittel der pubertierenden Mädchen Anzeichen von Essstörungen: Sie diäten, erbrechen und nehmen Abführmittel. Das ist wirklich bedrohlich.

Sind Dürre etwa magersüchtig?
Pollmer: Um Himmels willen. Inzwischen ernten nicht nur die Dicken die vorwurfsvollen Blicke der Schlanken, die Dürren müssen sich jetzt gegen den Vorwurf der Dicken verteidigen, magersüchtig zu sein. Es ist einfach nur noch pervers. Und das alles nur, weil wir unsere Ängste ins Essen hineinprojizieren. Denken Sie daran: Essen macht nicht jung, gesund oder schön, Essen macht satt, egal welchen Körper Sie haben oder Sie sich wünschen.

Schöner Ansatz. Aber ich denke dass Bisphenol A, Genetische Faktoren und viele – uns noch unbekannte – Einflüsse mit der Angst genau so zusammenspielen und für die „Fettepidemie“ verantwortlich sind. Ich rechne schon lange nicht mehr mit einer Monokausalität….

2 thoughts on “Angst vor dem Essen”

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